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Das tänzelnde Pony - Rollenspielforum Für Rollenspielunterhaltungen, die "in-Charakter" durchgeführt werden.

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Old 22-10-2010, 01:56 PM   #1 (permalink)
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"There is a wholesome air about Hollin. Much evil must befall a country before it wholly forgets the Elves, if once they dwelt there.“ „That is true.“, said Legolas. „But the Elves of this land were of a race strange to us of the silvan folk, and the trees and the grass do not now remember them. Only I hear the stones lament them: 'Deep they delved us, fair they wrought us, high they builded us; but they are gone.' They are gone. They sought the Havens long ago."
(The Ring goes South, TFotR)


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Von Freundschaft und Finsternis








Die Wolken wanderten träge über den weiten Himmel und die Nachmittagssonne ließ ihn in einem solch satten Blau erstrahlen, wie man es sonst nur aus dem Frühling kennt. Die Luft aber war kühl und beinahe gläsern, denn es war Winter und das gefrorene Gras in den Ebenen knirschte unter den Stiefeln.
Eregion lag einsam unter einer Decke von glitzerndem Reif und den letzten Wehen gefallenen Schnees. Und so unberührt dieses Land nun in den kältesten Tagen des Jahres schien, so konnte es aber doch niemand durchqueren, ohne Spuren zu hinterlassen. Nicht einmal ein Elb.
Tiefe Fußspuren drückten sich in das matte Weiß der Hügel und brachten das schlafende Grün unter dem Mantel aus Frost und Eis wieder hervor, wo Maethruth einher gegangen war. Er blies warme Wolken aus Luft vor sich her und sein Atem floh keuchend durch die endlose Stille. Sein Blick fiel zurück auf den Pfad, den er an der Flanke der Anhöhe hinterlassen hatte und er stützte sich auf seinen langen Speer, um zu rasten. Über ihm, auf dem Gipfel, den er fast erklommen hatte, lag Mirobel, doch streiften seine Gedanken nicht über die verblaßte Schönheit der ehemals starken und kunstvollen Bauten, die zwar verlassen, aber immer noch erhaben, in den Himmel ragten. Viel mehr war sein Augenmerk auf die Berge gerichtet, die noch weit hinter der alten Elbenstadt in der Ferne lagen: das Nebelgebirge. Weit im Osten erhob es sich wie ein gewaltiger Wall aus Schnee und Stein. Seine gekrümmten Zacken zerschnitten den Horizont und warfen lange Schatten auf die Wiesen und Wälder Eregions. Sturmwolken türmten sich zwischen seinen Hängen und Schluchten auf und würden neuen Schnee bringen. Vielleicht aber brachten sie auch noch etwas anderes.
Maethruth schüttelte schließlich den Kopf, hob die Augen an und betrachtete einen der Türme Mirobels, der ihn wie ein stiller Wächter zu begrüßen schien. Er packte den Speer und setzte seinen Weg fort, die Stirn in tiefe Falten gelegt.
Als der das Tor zur Stadt durchschritt, wurde ihm etwas leichter zumute, einige seiner Sorgen schwanden, doch neue kamen sogleich hinzu. Er horchte auf. Ein Pferd wieherte irgendwo auf der alten, gesprungenen Straße, die sich durch die Stadt wand und die Mauern warfen sein Klagen in widerhallendem Echo zurück. Feuer knisterten in geschmiedeten Laternen und Schritte erklangen irgendwo vor ihm. Es war immer noch kalt. Bitterkalt. Und als Maethruth erneut zum Himmel blickte, biß er hart die Zähne zusammen, denn er hatte bereits etwas von seinem Blau eingebüßt. Als er noch länger hinsah, wurde es deutlich: die Wolken zogen sich zusammen und bildeten langsam ein undurchdringliches Kleid aus unheilvollem Grau.
„Es kommt sicher nur ein kleiner Schneesturm.“, murmelte ein Mann, der an Maethruth vorüberging und sich bemühte, den Elben aufmunternd anzusehen. Als Maethruth jedoch nicht antwortete, blieb er stehen und blickte den Elben fragend an. „Oder meint Ihr nicht?“, fügte er an. Maethruth senkte den Kopf. „In manchen Gegenden ist selbst das Wetter von Bosheit durchdrungen. Vor allem, wenn sich das Heulen von Orks in den Klang des Windes mischt.“, erwiderte er schließlich. Der Mann sah ihn weiterhin an, überrascht diesmal, und rieb sich über das Kinn, dann legten sich seine Augenwinkel wieder in winzige Fältchen, als das Schmunzeln auf seine Miene zurückkehrte. „Ich bin ja nur ein fahrender Hufschmied, aber selbst ich weiß, daß es hier schon immer Orks gegeben hat. Sie kommen aus den Bergen und streifen durch das Land, aber hierher nach Mirobel haben sie sich noch nie gewagt. Und selbst wenn sie es tun würden, wir werden schon mit ihnen fertig. Ein paar krummbeinige Orks halten nicht den Nachschub nach Moria und die Lande dahinter auf.“, schloß er dann. „Nicht immer.“, antwortete Maethruth leise. Der Hufschmied zog die Brauen hoch und beugte sich leicht vor. „Wie meinen?“, fragte er. „Nicht immer gab es Orks in Eregion. Und ja, ein paar von ihnen werden solche wie Euch nicht aufhalten, die bald weiter nach Moria ziehen. Doch ein Sturm verschließt das Tor vielleicht wieder, das geöffnet wurde, um Euch einzulassen.“, sagte er, dann wandte er sich um. Der Hufschmied lachte. „Elben sehen auch in jedem zerknicktem Grashalm das Böse...“, sprach er noch, winkte ab und entfernte sich.
Auch Maethruth setzte seinen Weg fort. Wenn ihn der Ausspruch des Mannes verärgert hatte, so ließ er es sich nicht anmerken. Die Zeit, ihn zurechtzuweisen, fehlte ihm ohnehin. Und es wäre vermutlich ebenso vergeudete Zeit gewesen. Er betrat nun den Turm auf dem Gipfel, der Einzige, der noch nicht eingestürzt war.
Zeit. Zeit zerstörte langsam, was einer Ewigkeit hätte standhalten sollen. Und Zeit war es, die nie endete und doch in diesem Augenblick kaum einholbar entschwand.
Maethruth nahm nicht einmal den Umhang von seinen Schultern, wärmte sich nicht am Feuer, bis aus seinen Händen und Fingern das lähmende Gefühl der Kälte wich. Zu lange hatte er nun in Eregion geweilt und war der Ahnung gefolgt, die ihn vor Wochen aus dem Düsterwald hierher gebracht hatte. Nein, die Zeit floh vor seinen Augen und er mußte Nachricht senden!



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Old 22-10-2010, 01:58 PM   #2 (permalink)
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Manchmal, wenn die Luft klar ist, und der Himmel weit, gibt es einen besonderen Augenblick vor dem Sonnenuntergang. Er währt nur eine winzige Sekunde lang und zu leicht ist er zu verpassen für den, der unaufmerksam ist und es nicht wagt, dem gleißenden Angesicht der Sonne direkt entgegen zu sehen. Doch der, der geduldig ist und sein Augenmerk auf den westlichen Horizont richtet, bis das Licht verschwindet und sich hinter die Linie von Tag und Nacht zurückzieht, der wird belohnt: die Welt erstrahlt golden und sie ist rein und gut. Durchflutet von Wärme und Helligkeit und einem Schein, der Trost bringt und jene Kraft offenbart, die allem Leben innewohnt. Es ist ein Moment, der Erinnerungen verstummen und Sorgen vergehen läßt.
Heute war so ein Abend, an dem die Luft frisch und der Himmel unendlich schien. Und kurz bevor die Sonne ihr Auge schloß und sich zum Schlaf hinter den Bergen bettete, schenkte sie allen, die sie angesehen hatten, ihr hellstes Licht und ihren kostbarsten Glanz.
Ein Seufzen entrang sich mir, denn auch, wenn im Westen noch eine Weile der verblassende Schein des Tages zu sehen sein würde, so würde doch bald die Nacht hereinbrechen und die Wälder mit Dunkelheit verschlingen. Aber es war kein Abschied auf ewig vom Tage, selbst wenn die Nachtstunden hier im andauernden Winter lang und zäh wie Teer waren. Auch davon erzählte der letzte Augenblick des Sonnenuntergangs: von der Hoffnung auf einen neuen Tag und den Beginn wacher Stunden mit neuem Mut im Herzen.
Jede Kraft, die ich bekommen konnte, wollte ich aufnehmen. Jeden Mut, der mir zuteil würde, mußte ich ergreifen. Ich fürchtete mich – jedoch nicht die Nacht, die vor mir lag und die alle Kreaturen, die außerhalb der Mauern der Feste Galadh zwischen den Bäumen herumkriechen mochten, näher an die Festung heranführen würde. Ich fürchtete einen Blick, der auf mir ruhen würde, sobald ich einen Brief, den ich in der Hand hielt, überbracht hätte. Ein tadelnder Blick würde es sein, vielleicht ein zorniger, ganz gewiß aber ein enttäuschter. Und da er mich aus den Augen meines Fürsten treffen würde, war es mir umso schlimmer darum. Ich hatte den Brief geöffnet und ihn gelesen, aber er war nicht für mich bestimmt gewesen, sondern für ihn.
Ich hatte ihn später nicht wieder verschließen und das Siegel darauf nicht ersetzen können. Jetzt lag er da, in meiner Handfläche. Ein Stück Pergament nur, aber dennoch ein stummer Zeuge für eine Tat, die das Vertrauen, das Aegmar mir schenkte, gebrochen hatte. Ich hatte es aus Neugier getan, vor allem aber aus Sorge und auch ein wenig, weil ich verärgert war.

Drei Wochen waren vergangen, seitdem Maethruth unsere Gemeinschaft verlassen und nach Eregion aufgebrochen war. Nur wenige Tage nach seiner Abreise hatte ich ihm geschrieben, wichtige Angelegenheit drängte mich dazu: Therowig litt unter einem seltsamem Schmerz und einer Müdigkeit, die ihn selbst nach jener Schlacht, wie wir sie in Minas Gíl geschlagen hatten, nicht so lange hätte schwächen dürfen. Er lag nieder, oftmals in allertiefstem Schlaf, und ein Fieber wütete in ihm, das ihn langsam seiner Kraft beraubte. Es ging aus von der Wunde auf seinem Arm, die Yhared ihm auf der Spitze des Turmes der Sternwarte zugefügt hatte.
Ein kleiner Schnitt, doch tief genug, um mit unerklärlicher Macht in Therowigs Seele vorzudringen. Er erholte sich nicht von jenem Kampf und hatte er doch seine Pflicht tun wollen, so war es ihm nach wenigen Tagen nicht mehr möglich gewesen auf den Zinnen der Feste zu wachen und die Orks zu vertreiben, die durch das Umland strichen. So hatte ich Maethruth um den Dolch befragt, der Therowig diese Wunde beigebracht hatte. Er war jenem so ähnlich gewesen, den Yhared mir einst geschenkt hatte. Maethruth hatte ihn an sich genommen, nachdem er mir in die Feste gesandt worden war, und seitdem aufbewahrt. Aber Yhared hatte noch einen Dolch besessen, eine Mordor-Klinge – so wie jeder der Zauberer, die in Minas Gíl umgegangen waren. Therowig hatte das spüren müssen.

Dringend hatte ich auf Antwort gehofft, auf ein Schreiben von Maethruth, das mir von der Wirkung schwarzer Klingen berichtete. Wenige Zeilen nur hatte ich mir erwünscht, aber sie blieben aus. Bis zu diesem Abend. Aber Maethruth hatte nicht mir geschrieben, er hatte sich an Aegmar gewandt.
Ich konnte nicht warten. Ich mußte wissen, ob etwas über den Dolch in jenem Brief stand und ob Maethruth einen Rat hatte, wie der Düsternis, die am Werke war, zu begegnen sei. Ich betrachtete den Siegelwachs, der sich verräterisch unter meinem Fingernagel rot abzeichnete. Dann besah ich mir abermals den Brief. Delikat wurde meine Lage besonders dadurch, daß er keinen jener Ratschläge enthielt, die ich erfragt hatte. Dennoch war er beunruhigend und mußte zweifellos in Aegmars Hände gelangen:



Seid gegrüßt, Aegmar von Gondor!

Wenn dieses Schreiben Euch erreicht, woran ich nicht zweifle, bedeutet dies, dass der oder die Überbringer sicheren Weges von Mirobel zum Westtor Khazad-dums, durch Zwergenmine und -binge unter dem Gebirge hindurch, den Schattenbachsteig hinab, durch Lorien, über den Anduin bis nach Ost-Galadh gelangen konnten. Noch vor kurzer Zeit wäre es undenkbar gewesen, eine solche Reise überhaupt zu wagen. Und tatsächlich besteht keine geringe Gefahr, dass die befreite Passage schon bald wieder verschlossen sein wird.
Gerade in den Monaten des Winters, wenn die hohen Pässe nur schwer oder gar nicht gangbar sind, ist die Zwergenstraße unter dem Gebirge ein Geschenk, welches die freien Völker nicht hoch genug schätzen können.
Ihr stammt aus Gondor. Und Ihr habt selbst gesehen, dass Eriador keine leere Wüstenei ist, sondern dass sich hier, einmal aus dem Schlummer erweckt, eine nicht unbeträchtliche Macht erheben kann, welche, wie überhaupt alle guten Mächte, die noch in der Welt wohnen, am Ende im Süden gebraucht wird, wenn der weisse und der dunkle Turm ihre Vorbereitungen abgeschlossen haben, ihre Karten offenlegen und ihre Spielfiguren ins Feld schicken. Doch ist die Pforte von Rohan versperrt, der Weg, auf dem Ihr einst in den Norden kamt, der Weg, auf dem Ihr nach Gondor zurückkehren wolltet, und der Weg, auf dem Eriador dem Süden zu Hilfe eilen könnte. Könnt Ihr sie wieder öffnen? Oder dünkt es Euch leichter, das Erreichte zu bewahren und die befreite Straße unter dem Berg zu verteidigen? Oder mag sogar beides gelingen? Ich selbst bin in dieser Frage noch unentschlossen. Doch war ich in dieser Sache jüngst um alle Nachricht und Neuigkeiten bemüht und teile meine Erkenntnisse mit Euch ebenso gerne, wie ich Euer Urteil vernähme.
Wenn Eure Angelegenheiten in Ost Galadh also abgeschlossen sind, so erwägt doch, den umgekehrten Weg dieses Briefes zu nehmen, damit wir uns in Eregion beraten und zu gutem Entschluß für unser beider und alle freien Völker finden können. Ich werde Euch einen Teil des Weges entgegenreisen und in Echad Dunann erwarten.

Ein gütiges Schicksal behüte Euch!
Maethruth

Last edited by Nariena; 22-10-2010 at 02:15 PM.
 
Old 22-10-2010, 01:59 PM   #3 (permalink)
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Ich biß mir auf die Unterlippe. Die ersten Sterne begannen am Abendhimmel zu blinken, als ich sie mit einem Blick bedachte, der die Zeit noch hinauszögern sollte, bevor ich die Bank, auf der ich saß, verlassen mußte um vor meinen Fürsten hinzutreten. Ebenso entsprang das erneute Richten meiner Beinkleider einem Zögern, das ich nurmehr nicht anders als Feigheit bezeichnen konnte. Feige wollte ich aber keineswegs sein, so zwang ich meine Füße schließlich, mir einen festen Stand auf dem Boden zu suchen, und endlich mein Versteck an der hohen Festungsmauer zu verlassen. Mit gutem Zureden zu meinen Knien gelang es mir, mich zu erheben. Der Boden war gefroren und so war langsamer Schritt angebracht, wenngleich der meine vielleicht auch etwas langsamer als nötig war. Dennoch brachte er mich unaufhaltsam den Quartieren näher, die im Süden der Festung lagen.
Ein guter Moment. Ein guter Moment war alles, was ich brauchte. Einer, in dem Aegmar ausgezeichneter Laune war, dann war sein strafender Blick gewiß nicht ganz so beschämend.
Als ich ein lautes, fröhliches Lachen und ein aufmunterndes Gebrüll aus dem Quartier schallen hörte, wähnte ich mich dankbar und einem großen Glück verpflichtet, daß ein solcher Moment tatsächlich gerade vorüber gegangen war.

Die Luft war warm und feucht, als ich das Quartier betrat. Kohlebecken brannten in der Mitte des Saales und an den dunklen Seitenmauern. Die Mannen der Feste drängten sich dicht darum, hauchten dampfenden Atem hinein und streckten die Hände nach der lichten Wärme aus. Doch ihre Augen, die waren allesamt zum größten Feuerschein in der Halle gerichtet, wo ein langer, hölzerner Tisch aufgestellt war. Hier wurde gespeist, sich beraten und am Abend Würfel gespielt. Es wurden Geschichten erzählt und Neuigkeiten ausgetauscht, manchmal wurde sich auch gestritten. Da nicht alle zu Gängen mit der Klinge neigten, um ihre unterschiedlichen Ansichten zu verteidigen, und dies zudem im Angesicht des Krieges in diesen Landen unpassend gewesen wäre (schließlich war man ja doch irgendwie verbündet...), fielen einige Entscheidungen auf ganz einfache Art: Mann gegen Mann und Arm gegen Arm.
An meinem Glück zweifelte ich zu meinem Verdruß wieder, als ich feststellte, daß Aegmar zwar unter den Anwesenden weilte, sich aber leider nicht in der zuschauenden, gut gelaunten Menge befand, sondern an jenem Tisch saß! Seinen Umhang hatte er abgelegt, zusammengefaltet hing er über der Stuhllehne hinter ihm. Und er legte sein Wappen nur ab, wenn er sich (was selten vorkam, aber eben doch passierte) einmal gänzlich unfürstlich zu benehmen gedachte.

Sein Gegner war ein Mann aus einem Haus, das ich nicht kannte, doch selbst im Sitzen überragte er meinen Fürsten um gut einen halben Kopf. Er trug einen wirren blonden Haarschopf und einen ebenso wirren blonden Bart. Was zwischen Aegmar und diesen Recken geraten sein konnte, konnte ich ich mir nicht erklären. Aegmar war mehr als einer bekannt, der Streitigkeiten schlichtete, als sie zu suchen. Doch zweifellos herrschte Groll zwischen ihnen, was eindeutig das sehr verächtliche Grinsen auf der Miene des blonden Riesen beschrieb, als er Aegmars Hand und seinen Unterarm einer der brennenden Kerzen zuführte, die links und rechts auf den Seiten des Tisches aufgestellt waren.
Aegmar preßte verbissen die Lippen aufeinander und seine freie Hand klammerte sich kraftsuchend um die Tischkante, als er schon die Hitze der Kerzenflamme auf seinem Handrücken spürte. Seine Stirn glänzte und ich sah die gespannten Armmuskeln unter seinem Hemd hervortreten. Ich wußte nicht so recht, ob ich erstaunt oder erheitert sein sollte, als Aegmar plötzlich den Kopf auf die Brust sacken ließ, ihn mit einem lauten „Raaarrrrrrrrrrrrrr!“, wieder hochriß und dann ein Gesicht machte, als hinge sein Leben davon ab, seine Hand vor dem Feuer zu retten. Er wollte nicht aufgeben und er tat es auch nicht. Langsam, ganz langsam, kam sein Arm wieder hoch, richtete sich auf und drängte den des Gegners zurück, der dieser Anstrengung nur mit einer verblüfften Fassungslosigkeit begegnen konnte. Ihre Arme waren so fest ineinander verhakt, daß ich fast wähnte, sie seien nie wieder voneinander zu lösen. Dem Blonden gefiel nicht, daß Aegmar offenbar die Niederlage abgewendet hatte. Schlimmer noch, ihn entschlossen der eigenen zuführte, in dem er weiter gegen ihn hielt und seine Faust nun mit eisernem Griff langsam auf seiner Seite des Tisches in Richtung der Kerze drückte. Es kam jedoch nicht dazu, daß der Hüne den Kuß des Feuers spürte. Als er nur noch eine Handbreit von der Flamme entfernt war, sprang er plötzlich auf. Und zwar so heftig, daß der Stuhl, auf dem er gesessen hatte, polternd umfiel. Für einen Moment herrschte Stille in der Halle, dann brach tosender Jubel und gellender Aufruhr los. Der Blonde ballte die freie Hand zur Faust und stieß sie gegen Aegmars Kinn, dessen Kopf herumgerissen wurde, was ihn beinahe ebenfalls seinen Stuhl und sein Gleichgewicht gekostet hätte. Ich sog harsch die Luft ein und konnte nur stumm die Lippen öffnen, als Aegmar ärgerlich knurrend herumfuhr, aufstand, dann seinerseits über den Tisch langte und den Gegner am Kragen packte. Er zog ihn mit gewaltigem Griff zu sich heran, so daß der Oberkörper des Mannes krachend auf die Tischplatte schlug. Vollkommen überwältigt sah er sich um und dann schmerzerfüllt auf, als er Aegmars Unterarm spürte, der sich in seinen Nacken preßte, um ihn niederzuhalten. Nur ein Hieb in Aegmars Magen konnte ihn von dieser Schmach befreien und ich sah meinen Fürsten, der loslassen mußte, sich daraufhin krümmte und dann rückwärts taumelnd irgendwo in der Menge verschwand. Der Blonde setzte ihm unter einigen zustimmenden und ebenso vielen unflätigen Rufen nach.
Ich seufzte. Aber ich wußte nun, daß ich Aegmar nun nicht mehr aufsuchen mußte, denn es würde nicht lange dauern, da würde er mich finden. Und das tat er auch.

Ich ging und wartete. In den Räumen der Heiler auf der Nordseite der Festung war es still. Es waren die einzigen Quartiere, die noch einen Kamin besaßen und er strahlte eine angenehme und heilsame Wärme aus. Die meisten Betten und Lagerstätten waren belegt, doch nahe der Türe fand ich eine leere Pritsche. Aus einem der Schränke nahm ich eine Schale, füllte sie mit Wasser aus dem Kessel, der im Kamin hing, und bedeckte sie dann mit einem Leinentuch. Ich stellte sie neben mich auf die Pritsche und schlug die Beine übereinander.
Später, wenn man jemanden aus dem Haus Faust und Feder dazu befragte, war der Kampf unentschieden ausgegangen. Einige, die Aegmar besonders nahe standen, meinten sogar, Aegmar hätte ihn vielleicht sogar gewonnen. Also eigentlich jedenfalls. Andere, die nicht unser Wappen trugen, waren der Ansicht, er hätte ihn verloren Was davon zutraf, war nicht mehr festzustellen, aber als ich schließlich die Türe neben mir leise knarren hörte und Aegmar eintrat (sich dabei Wange und Kinn haltend), stand zeifellos fest, das keiner von beiden Kämpfern zurückgesteckt hatte.
Ich betrachtete ihn einen Augenblick und vernahm das leichte Zucken um seine Mundwinkel, das entschuldigend und triumphierend zugleich wirkte, bis ein feiner Schmerz irgendwo in seinem Leib Aegmar zusammenzucken und neben mich auf die Pritsche sinken ließ. Er räusperte sich und zuckte dann erneut zusammen. „Laß es mich sehen...“, flüsterte ich nur, um jene nicht zu wecken, die in erholsamem Schlaf die Kammer mit uns teilten. Ich nahm Aegmars Hand und bog sie sachte von seinem Gesicht fort, dann drehte ich es in das goldene Licht des Kaminfeuers.
Während ich das Leinentuch in das Wasser tauchte, sah ich Aegmars Blick wissend funkeln und las seine stille Dankbarkeit darin. Der gute Moment, den ich brauchte, um ihm Maethruths Schriftstück zu überbringen, war vielleicht noch nicht vorüber.
 
Old 22-10-2010, 02:00 PM   #4 (permalink)
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Ich betupfte das Blut auf Aegmars Wangenknochen so behutsam ich konnte. „Erzählst Du mir, wer dieser Kerl war und welchen Grund Euer Streit hatte?“, fragte ich ihn. „Es war nicht mein Streit mit ihm.“, erwiderte Aegmar langsam. „So? Dann habe ich mich vielleicht getäuscht und Eure...Begegnung...war selbstverständlich von freundschaftlicher Art.“, schmunzelte ich. Aegmar räusperte sich erneut. „Nunja, eigentlich war es Therowigs Streit. Dieser Mann, seinen Namen habe ich womöglich schon wieder vergessen, ist irgendein Vetter von ihm. Sie haben sich vor einiger Zeit schon hier getroffen. Welcher Art ihre Streitigkeit ist, weiß ich nicht recht, glaube aber zu ahnen, daß es wohl etwas mit einem Mädchen zu tun hatte. Wegen einer alten Geschichte, die ohnehin beendet ist...“, Aegmar warf mir einen flüchtigen Blick zu, „...wollte jener edle Cousin nicht auf einen Akt der Vergeltung verzichten. Da Therowig kaum aber auf die Herausforderung antworten konnte...“ „...hast Du es stattdessen getan. Ich verstehe.“, führte ich Aegmars Erklärung zuende und schüttelte den Kopf. „Feine Freunde seid ihr.“ Aegmar hob leicht die Schultern, ließ sie aber sogleich wieder sinken. „Ich habe heute durchaus gelernt, daß man sich besser nicht in die Angelegenheiten des rohirrischen Adels einmischt.“, gab er zu. „Ganz gleich, welche das sind.“
Ich lachte leise und griff wieder nach Aegmars Hand, als er sein Kinn berühren wollte. „Nicht. Halt still.“, sagte ich und wrung den Lappen aus. Das Wasser in der Schale färbte sich rötlich und ich betrachtete es mit Leid. „Therowig hat mir nicht erzählt, daß Verwandte von ihm in Emyn Lûm sind.“, meinte ich und drehte Aegmars Gesicht nun etwas zu mir. „Ich würde Dir solche Verwandten auch nur ungern vorstellen.“, erwiderte er. Ich lachte erneut. „Ich hatte nicht immer Gefährten, die wissen, daß ein Messer auch zum Brotschneiden dienen kann, Aegmar. Es liegen andere Zeiten hinter mir.“, sagte ich. Er nickte. „Das weiß ich. Therowig mag seine Gründe haben – vielleicht wollte er ja nicht, daß Du von anderen Röcken erfährst, denen er einst nachgejagt hat.“ Ich hielt inne und wrung den Lappen erneut in der Schale aus. „Oh, ich weiß, daß er einst oft und gern verliebt war. Aber das ist kein Grund, ihm in diesen Tagen nicht zu vertrauen. Dinge ändern sich, sonst wäre auch ich nun nicht hier.“, sprach ich. Aegmar nickte vorsichtig und verzog das Gesicht. Er atmete tief ein, als ich seine Schulter berührte. „Vermutlich verstaucht.“, murmelte er dunkel. „Wie geht es Therowig denn?“, fragte er dann. Ich fuhr mit der Handfläche über Aegmars Schulterblatt. „Unverändert. Noch immer. Meine Sorge schwindet nicht. Doch kam Nachricht von Maethruth vor einer Stunde, ich wollte Dir den Brief überbringen, als....nun. Vielleicht beantwortet er meine Fragen über Therowigs Verletzungen, die mir so dunkel erscheinen und die auch die Elben mit ernstem, aber hoffnungsvollerem Blick betrachten als ich. Ich wünschte, er würde sich endlich erholen und der Schatten in seinem Antlitz verschwinden.“, antwortete ich und griff in mein Wams, um den Brief hervorzuziehen.
Ich zögerte noch einen Augenblick, dann gab ich ihn Aegmar. „Er ist an mich gerichtet.“, stellte er fest. „Aber warum ist er geöff....au!!!“ Zu fest hatte ich mit dem Tuch auf eine Stelle an seinem Kiefer gedrückt. Ich zog die Hand zurück und fühlte mich schuldig und erleichtert zugleich, daß Aegmar seinen Satz ungewollt abgebrochen hatte. Unbewußt war dies meine Gelegenheit gewesen seine Gedanken in eine andere Richtung als auf das gebrochene Siegel zu lenken. „Lies ihn ruhig.“, sagte ich rasch und griff vor Aegmar hin, um den Brief aus dem Umschlag zu ziehen. Er verfolgte meine Hand mit einem Blick, der nicht sehr freundlich war und gleichsam überrascht. „Er ist sicher wichtig.“ Ich hielt seinen Augen nicht mehr stand und ging, um das Wasser in der Schale zu erneuern.
Auch meinen Schritt zum Kamin verfolgte Aegmar ahnungsvoll, nahm dann aber kopfschüttelnd die Nachricht auf und begann sie zu lesen. Ich biß mir auf die Lippe und mußte schmunzeln.

Während er las, wusch ich das Blut, das nun beinahe getrocknet war, von seiner Schläfe. Ich erzitterte leicht, als er geendet hatte und erneut den Mund öffnete. Er nahm dabei den Kopf zurück, als erwarte er einen neuen, zu festen Druck meiner Hand, wenn er wieder auf das Siegel zu sprechen kommen würde. Er legte den Umschlag aus der Hand und schob ihn beiseite, sein Blick dabei war prüfend auf mich gerichtet. Diesmal hielt ich ihm jedoch stand. Wir wußten beide, daß ich es gewesen war, die das Dokument zuerst gelesen hatte. So lächelte ich nur entschuldigend und Aegmar beließ es dabei, tadelnd eine Augenbraue zu heben. „Weißt Du, was seltsam ist...“, begann er leise und beugte sich dann zu mir vor. „Ich habe auch einen Brief von Maethruth erhalten. Und er ist an Dich adressiert. Er kam ebenfalls vor einer Stunde an.“
Aegmar griff in sein Hemd und zog einen zerknitterten Umschlag hervor. Als er ihn mir gab, spürte ich, wie meine Wangen glühend rot wurden vor Scham. „Der Bote war wohl nicht sehr zuverlässig.“, fügte er an. Nun war er es, der lachte, als ich gegen seine Schulter sank und die Stirn daran verbarg. „Oh, bei Elendil...es tut mir leid.“, murmelte ich. Aegmars Lachen wurde lauter und einer der Schläfer im Raum drehte sich unruhig unter seiner Decke herum, so daß Aegmar sogleich verstummte und nur noch ein jungenhaftes Glucksen zu hören war. „Dem einen ist Neugier eine Tugend, dem anderen ein Fluch.“, sagte er und ich hob abrupt den Kopf. „Es war nicht Neugier, sondern Sorge!“, erwiderte ich und er hob eine Hand. „Ich sehe es Dir nach. Über Maethruths Botschaft werden wir uns ohnehin unterhalten müssen.“, meinte er dann und ich nickte. Ich rückte schließlich ein Stück von ihm ab und sah in sein Gesicht. Tagelang würde es noch Spuren von diesem Abend tragen. „Mehr kann ich heute nicht mehr für Dich tun. Die Wunden sind gesäubert, sie werden rasch verheilen – hoffe ich.“, sprach ich also. Aegmar fuhr sich behutsam über das Kinn, das eine blau anlaufende Prellung trug. „Mein Stolz wurde härter getroffen.“, sagte er und erhob sich langsam und schwer. Einen Moment lang brauchte er, sich aufzurichten. „Ich gehe nun schlafen, in der Frühe werde ich Dich wecken. Dann beraten wir, was zu tun ist. Maethruths Befürchtung ist eine ernste Angelegenheit: sollte das Tor in unserem Rücken sich verschließen und der Feind eine starke Linie in Eregion errichten, dann wird das schlimm enden und jeder Sieg, der bisher errungen wurde, könnte umsonst gewesen sein.“ Er klang nachdenklich, als er so sprach und das Schmunzeln wich aus seinem Gesicht. Dann atmete er tief aus und ging.
Ich blieb zurück und sah auf den Brief in meiner Hand. „Danke, Maethruth.“, flüsterte ich leise und glitt von der Pritsche hinunter auf den dünnen Teppich vor dem Kamin. Hastig riß ich das Schreiben auf und meine Augen hasteten im flackernden Feuerschein über die Zeilen, die so fein und doch in Eile geschrieben worden waren:




Werte Frau Nariena,

ich sende Euch diesen Brief aus Ost-in-Edhil, welches man heute Mirobel nennt, in der Zuversicht, dass er Euch auf schnellem Wege erreichen wird. Die Öffnung der Minen durch die Eiserne Garnison hat so Vieles ermöglicht.
Es geht um jenen Dolch, den ich seinerzeit in Ost Galadh an mich nahm und über den und die Verletzung, die er Herrn Therowig schlug, Ihr recht besorgt wart. Eure Sorge war nicht unbegründet. Es handelt sich bei der Klinge in der Tat um eine der schwarzen Waffen des Feindes, denen ein übler Zauber innewohnt, welcher nicht nur Fleisch, sondern auch Seele versehrt. So bestätigten mir die Elben, welche die Ruinen der alten Schmieden der vergangenen Elbenstadt durchforschen. Unter ihnen sind Angehörige der einstigen Mirdain, und an ihrem Urteil kann nicht gezweifelt werden. Ihren Rat befolgend habe ich die Waffe in sicheren Händen nach Bruchtal senden lassen, wo sie eingeschmolzen und ihr dunkler Zauber ganz und gar ausgetrieben wird.
Doch bei alledem sorgt Euch nicht zu sehr, denn Dolch und Zauber waren von schwächerer Natur, und ohne Zweifel kennen die Elben in Ost Galadh Mittel und Wege, solches Ausmaß des schwarzen Atems zu lindern und die Verwundung vollkommen zu heilen. Womöglich wißt Ihr selbst, dass das Athelaskraut für diesen Zweck besonders geeignet und wirkungsvoll ist.
Zusammen mit diesem Brief sende ich Nachricht an Herrn Aegmar. Sollte er dem, was ich ihm mitzuteilen hatte, zustimmen, werden wir uns vielleicht in Kürze wiedersehen.

Bis dahin mögen Euch die Sterne leuchten!
Maethruth
 
Old 22-10-2010, 02:01 PM   #5 (permalink)
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Als ich den Brief gelesen hatte, tat ich einen langen Seufzer. Eine Last wich von mir, wenn auch nicht gänzlich. Ich stand auf und bemühte mich um besonders leisen Schritt, als ich den Raum durchquerte und eine Treppe hinaufstieg, die hinter einem schmalen Durchgang in der Wand in das obere Stockwerk der Heilerquartiere führte. Therowig ruhte hier seit einigen Tagen in einer kleinen Kammer, auch wenn er sich zunächst geweigert hatte, die Halle seiner Schar zu verlassen. Aegmar hatte es schließlich verfügt und Therowig gehorchen müssen. Die Stille in diesem Raum hatte ihn endlich zur Ruhe gebracht und als ich zu ihm trat, da war auch mir, als sei sein Schlaf nun deutlich weniger einer beunruhigenden Bewußtlosigkeit ähnlich und weitaus erholsamer.

Lautlos ließ ich mich auf der Bettkante seiner Liege nieder und strich ihm behutsam das rotbraune Haar aus der Stirn. Sein Gesicht war blaß, nur seine Augen von tiefer Farbe, als er sie aufschlug und mich müde ansah. „Nariena...“, flüsterte er, die Stimme trocken und rau. Ich lächelte dennoch. „Es ist ein Brief von Maethruth angekommen, schau!“, sagte ich und Therowig richtete sich mühsam auf. Er lehnte sich mit dem Rücken an das hölzerne Kopfende des Bettes und zog die Öllampe, die neben ihm auf einem Tisch brannte, näher heran. Dann nahm er mir das Schreiben aus der Hand und überflog es.
„Bruchtal, hm? Soviel Mühen wegen eines kleinen Schnittes.“, brummte er und sein Blick richtete sich auf seinen verbundenen Oberarm. „Seit einer Woche trinke ich doch schon nichts anderes als Athelas-Aufguß.“ „Dann wird er Dir auch bald helfen und die Schatten wieder vertreiben. Manche Dinge brauchen Zeit, um in der Tiefe zu wirken, vor allem wenn sie wirklich Böses wieder vertreiben müssen. Und die Waffen des Feindes sind wahrlich nicht frei davon, wie Du weißt.“, erwiderte ich. Therowig nickte nur. „Unnütz zu sein ist nicht angenehm für mich. Noch weniger als alles andere.“, sprach er und sein Blick verfinsterte sich. Ich nahm seine Hand. „Du bist nicht unnütz, nur verletzt. Manch anderer ist sein Leben lang unnütz, selbst wenn er unverletzt bleibt.“, sagte ich und Therowig lehnte den Kopf zurück. Den Brief legte er auf den Tisch und umschloß dann meine Finger. „Erzähl mir, was in der Feste vor sich geht. Gibt es Neuigkeiten? Ich vernahm vor einiger Zeit solch einen Lärm, er schien irgendwo aus den Quartieren zu kommen.“, fragte er und sah mich erwartungsvoll an. Ich öffnete die Lippen, schloß sie dann aber wieder; unsicher, ob ich Therowig von Maethruths zweitem Brief berichten sollte. Dunkel ahnte ich, was dann geschehen würde: augenblicklich würde er in Aufruhr geraten und sein Bett verlassen. Ich entschied, vorerst zu schweigen und bis zum Morgen zu warten, wenn Aegmar ihn zweifellos selbst aufsuchen würde.

„Lärm...nun...ja, es gab einigen Unmut über den Ausgang eines Wettstreits, will ich meinen.“, sagte ich stattdessen. „Ich fürchte, Aegmar und....Dein Vetter....waren daran maßgeblich beteiligt.“ Therowigs Brauen zogen sich nach oben. „Mein Vetter?“, meinte er überrascht und dann huschte ein schmerzliches Leuchten über sein Gesicht. „Ach ja...“, murmelte er, als wollte er sich nur ungern an den Verwandten erinnern. Verübeln konnte ich es ihm nicht, daher schmunzelte ich. „Er heißt Arnulf. Er hat mich vor ein paar Tagen besucht, als er in der Feste ankam. Wie ich wurde er einst als Bote ausgesandt, ein gutes Stück des Weges aus Edoras sind wir sogar zusammen gereist, bis sich unsere Wege trennten, denn er mußte weiter nach Westen, während ich in Bree blieb. Als uns bewußt wurde, daß wir nicht mehr zurück nach Hause konnten, hat er sich irgendwo niedergelassen, ebenso wie ich. Aber ich hörte danach nichts mehr von ihm – bis zuletzt. Er ist jetzt Söldner, in wessen Dienst er aber steht, wollte er mir nicht sagen. Sollte sich die Pforte von Rohan jemals wieder öffnen, so wird in der Heimat sein Tun vermutlich auch nicht gutgeheißen werden.“, erklärte Therowig. „Vielleicht hatte er keine andere Wahl.“, überlegte ich. „Fern von zu Hause zu sein fällt jedem nicht leicht und das Glück zu haben, gute Freunde zu finden, ist ebenso schwer.“
Therowig nickte. „Vielleicht. Aber was hat das nun mit Aegmar zu tun?“ Ich stieß ihn leicht an. „Offenbar wenig mit Aegmar selbst, sondern eher mit Dir. Aegmar sagte, Arnulf hatte einen Streit mit Dir austragen wollen – auf die...wie sagte er...althergebrachte Art, um ein für allemal ein paar Dinge zwischen Euch zu klären. Wenn Du mich fragst, ein unrühmliches Ansinnen, da Du ja kaum in der Lage bist...“, ich unterbrach mich, als ich bemerkte, wie Therowig mich daraufhin finster anzublicken zu begann, „...ich meine, da Du gegenwärtig ja kaum die Zeit hast, Dich mit ihm auseinanderzusetzen. Aegmar hat das für Dich getan.“, sagte ich rasch. Therowig verzog einen Mundwinkel. „So.“, brummte er und ich lachte leise. Doch dann richtete er sich abrupt auf und seine Augen begannen plötzlich zu strahlen, als ihm bewußt wurde (auch ohne meine nähere Erklärung), was vorgefallen sein mußte. „Und? Hat Aegmar gewonnen?“, platzte es aus ihm heraus und er ballte eifrig eine Hand zur Faust, so daß ich harsch die Luft einzog. „Therowig!“, entfuhr es mir tadelnd. Er sah mich an. „Was? Wenn Aegmar meine Angelegenheiten in die Hand genommen hat, werde ich jawohl wissen dürfen, wie es ausgegangen ist!“, meinte er empört. „Sie haben sich geprügelt!“, fuhr ich fort, aber Therowig nahm es unbeeindruckt hin und sah mich weiterhin gespannt an. „Dein Vetter Arnulf ist grob wie ein Ochse, und er hat Aegmar beinahe den Kiefer gebrochen! Was ist das überhaupt für eine Geschichte, daß Ihr Euch deswegen wie zwei Halunken aufführen müßt?!“

Das aufgeregte Leuchten in Therowigs Blick verblaßte ein wenig und er schürzte leicht die Lippen, dann winkte er ab. „Bedeutungslos.“, murmelte er. Ich stieß ihn an. Er schwieg. Erneut tat ich es und er gab nach. „Na schön, aber es ist wirklich nur eine Kleinigkeit. Da war dieses Mädchen...wir trafen sie irgendwann auf dem Grünweg, sie war mit einem Händlerzug unterwegs. Wir begleiteten den Zug eine Weile, der Anführer der Gruppe war ihr Vater – und Arnulf fand sie ganz...nett. Er hat ihr ein bißchen nachgestellt, bis er dann...ich weiß nicht mehr, eines Abends eben....mich und sie dabei erwischte, wie wir....nunja.“, schloß er und räusperte sich. Ich sah ihn weiterhin an, ich wußte, es war noch nicht das Ende der Geschichte. Und das war es auch nicht: Therowig setzte nach einigen Momenten erneut an. „Und vielleicht....also möglicherweise....habe ich früher, zu Hause, als wir beide kaum dem Knabenalter entwachsen und gerade in das Heer eingetreten waren...das eine oder andere Mal mit einem anderen Mädchen, das ihm gefiel...Du weißt schon.“ Erneut atmete ich tief ein und er hob sogleich die Hände. „Aber das war ja nicht meine Schuld! Ich meine, ich kann ja nichts dafür, wenn ich nunmal, Familie hin oder her, derjenige bin, der wohlgeratener und klüger ist!“, fügte er an und bemühte sich, reichlich unschuldig dreinzublicken, was ihm nicht recht gelang, denn das Schmunzeln auf seinen Lippen konnte er nicht gänzlich bezwingen. Es verschwand erst, als ich die Augen zusammenkniff und die Hände in die Hüften stemmte. Er schluckte. „Das ist verflucht lange her!“, rief er aus. Ich hob das Kinn. „Du überschätzt Dich ein wenig.“, sagte ich und Therowig schnaubte. „Na, würdest Du einen Tölpel wie ihn mir vielleicht vorziehen?“ Ich beugte mich leicht zu ihm vor. „Ich weiß nicht, vielleicht muß ich mir Deinen Vetter noch einmal genauer ansehen!“, antwortete ich und der unsichere Blick in Therowigs Augen wich nun einem beinahe blanken Schrecken. Er öffnete den Mund, aber es drang kein Laut heraus. Einige zähe Momente lang sah ich ihn noch scharf an, dann konnte ich kaum mehr an mich halten und brach in vergnügtes Gelächter aus.

Er beantwortete es mit einem dunklen Knurren und ich beschloß, ihn nun nicht länger zu bedrängen. Ich küßte ihn auf die Wange und er lehnte sich versöhnt zurück in seine Kissen. Ich nahm die Decke und zog sie ein Stück über seinen Bauch. „Ich werde jetzt wieder gehen und Dich schlafen lassen. Ich komme morgen wieder.“, sagte ich sanft und fing seinen Blick. Wie sehr ich doch hoffte, daß er sich rasch erholte und wie ungeduldig ich doch war. Auch mir war es schwer, ihn anzusehen und zu wissen, wie geschwächt er wirklich war, auch wenn das mit allerlei Scherz und heiteren Worten zu verbergen suchte.
Bevor ich die Kammer verließ, rief Therowig mich noch einmal bei meinem Namen und ich drehte mich ein letztes Mal um. Er verschränkte einen Arm hinter seinem Kopf und grinste. „Hat Aegmar denn nun gewonnen oder nicht?“, fragte er. Ich warf die Decke über seinen Kopf, dann schloß ich lachend die Tür.
 
Old 22-10-2010, 02:04 PM   #6 (permalink)
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Eine Hand berührte mich an der Schulter und schüttelte mich vorsichtig. Ich schlug einmal mit den Wimpern, bevor ich den Schlaf vertreiben konnte und aufsah. Der Morgen hatte gerade erst einen zarten Schimmer von hellem Silber über die Welt gelegt und die Sonne geweckt. Matt drang das Licht durch die Fenster in den Schlafsaal und ich konnte Aegmars Gesicht nur schemenhaft erkennen, das sich über mich beugte.

„Verzeih.“, sagte er leise. „Ich weiß, Du bist müde, Du hast viel über Therowig gewacht in der letzten Zeit und Deine Nächte waren daher kurz, aber ich muß mit Dir sprechen. Wenn Du kannst, dann folge mir.“ Ich gähnte verhalten, dann nickte ich und warf die Decke zurück. Sofort fröstelte ich und Aegmar reichte mir meinen Umhang, als er es bemerkte. Ich schlang ihn um meine Schultern und bemühte mich, mir darunter wenigstens Wams und Hosen überzuziehen. Höflich wandte Aegmar sich ab, doch ich sah, wie er ungeduldig das Gewicht verlagerte und seine Finger in ständiger Bewegung waren. Er trug seinen Waffenrock - und darunter sein Kettenhemd. Auch hing der Schwertgurt bereits um seine Hüfte, das Schwert daran fehlte aber. Ich schlüpfte in meine Stiefel und fuhr mir durch das Gesicht. Das Haar ließ ich offen über meine Schulter fallen und trat dann eher ungebührlich, aber so geziemlich wie möglich in der Eile des Augenblicks, neben meinen Fürsten. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und drehte sich zu mir um. Mit dem Kinn deutete er zur Türe. „Komm.“, sagte er nur knapp und ich folgte ihm seufzend.
Schneidend kalt war die Luft, als wir den Saal verließen und meine Finger wurden sofort taub. Ich zog meinen Umhang fest zusammen und klemmte mir die Hände unter die Achseln. Zügigen Schrittes überquerte Aegmar den weiten Hof und betrat eines der großen Zelte, die in der Mitte aufgebaut waren und den elbischen Heerführern der Festung als Quartier und Beratungsraum dienten.

Fuirgam wartete dort auf uns, jener Waldelb, der das Oberkommando in Emyn Lûm führte und der Aegmar zuvor schon zur Seite gestanden hatte. In seiner Miene glaubte ich zu lesen, daß er über Maethruths Brief und damit auch über dessen Befürchtungen informiert war und sich mit Aegmar bereits besprochen hatte. Seine Augen jedoch sahen mich ruhig und freundlich an und ließen nicht erahnen, welche Last und welch dunkle Verantwortung er trug. Er grüßte mich und ich neigte das Haupt. Obwohl kein Tuch oder Fell den Eingang des Zeltes verdeckte, war es in seinem Inneren angenehm warm und ich öffnete den Umhang etwas. Er bat mich Platz zu nehmen und deutete auf einen der edlen, aus poliertem Holz gefertigten Stühle, die um einen langen Kartentisch herum standen. Etwas verlegen nahm ich Platz und spürte, daß mich irgendetwas nervös zu machen begann.
Das Gefühl ließ nach, als Aegmar sich neben mich setzte und ich ihn tief ausatmen hörte. Ich warf ihm einen raschen Seitenblick zu, aber seine Augen waren mit vollster Aufmerksamkeit auf den Elben gerichtet, der leicht auf und ab ging und dann die Hände auf dem Rücken verschränkte. Er sah uns beide einen langen Moment an. „Mazog ist tot.“, sagte er dann unvermittelt und ich konnte mich nicht erwehren, nur mit einem fragenden Blinzeln zu antworten.
Unsicher sah ich zu Aegmar. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wer dieser Mazog war, und lächelte dankbar, als Aegmar zu einer Erklärung ansetzte: „Mazog war der Große Ork von Moria, der Anführer aller Orks, die in den Zwergenminen hausen. Er hat sie alle befehligt, sie ausgeschickt, sie gelenkt. Selbst mußte er sich nur der Macht des dunklen Turms beugen.“ Ich nickte. Fuirgam ergriff wieder das Wort. „Mazog wurde vor ein paar Wochen von den Zwergen Khazad-dûms gefangen genommen und es wurde beschlossen, ihn in den Düsterwald zu überstellen. Es hatte die Hoffnung bestanden, ihn hier austauschen zu können gegen Gefährten, die in die Fänge Mordors geraten waren. Aber die Zwerge wurden betrogen und der Handel zerschlagen. Mazog verblieb in Barad Guldur, ohne daß es einen Austausch gegeben hatte. Aber nun ist er tot, erschlagen von einem der unseren, als ein Ausfall in den Turm der Festung unternommen worden war. Tausende Orks hatte er unter sich – und Tausende sind nun führungslos. Was einerseits also eine gute Nachricht sein mag, birgt andererseits großes Übel. Ich teile die Besorgnis Eures Freundes Maethruth, der in Eregion weilt. Herr Aegmar war so freundlich, mir von seinen Erkenntnissen zu berichten. Das Nebelgebirge ist jener Ort, an den sich alle Orks, die aus Moria und Eregion vertrieben wurden, zurückgezogen haben – und wo sie einst herkamen. Viele von ihnen wurden getötet, vielleicht sogar die Meisten – aber ihre Zahl dennoch zu unterschätzen, wäre ein Fehler, der unverzeihlich ist. Ich erachte es daher ebenfalls als notwendig, das Augenmerk nach Westen zu richten und in Erfahrung zu bringen, was in jenen Landen vor sich geht. Wir können nicht mit der rechten Hand im Osten und mit der linken gleichwohl im Westen kämpfen.“, sprach er und ich biß mir auf die Unterlippe, den Blick senkend.

„Wir müssen wissen, was die Orks nun tun werden. So gedenke ich eine kleine Schar nach Eregion zu entsenden, Herr Aegmar wird sie anführen. Nicht viele sollen es sein, denn viele können wir hier auch nicht entbehren. Nur fünf an der Zahl.“ Fuirgam sah mich nun direkt an und ich hob wieder das Kinn. „Er wünscht sich Hauptmann Aneawin an seiner Seite – und Euch. Eine hervorragende Kundschafterin seid Ihr, sagte er. Jedoch habt Ihr hier in Emyn Lûm eine Verpflichtung, von der Ihr nicht leicht loszusprechen seid und die zurückzulassen Euch auch nicht mit einem Befehl auferlegt werden soll.“, fuhr er dann fort und meine Gedanken richteten sich bei seinen Worten sofort auf Therowig. Fuirgam nickte wortlos, als hätte ich sie laut ausgesprochen. Ich sah Aegmar an und betrachtete ihn traurig. Sein Blick ruhte ernst auf mir und er faltete die Hände, die Ellbogen auf die Stuhllehne stützend. „Ich zwinge Dich nicht, mit mir zu gehen, wenn Du bei Therowig bleiben möchtest. Ihn kann ich nicht mitnehmen, so gerne ich es wollte.“, sagte er. „Weiß...weiß er schon von diesem Vorhaben, nach Eregion zu ziehen?“, brachte ich schließlich hervor. Aegmar neigte den Kopf. „Er weiß es. Ich habe mit ihm gesprochen, bevor ich zu Dir kam. Er weiß auch, daß er nicht mitkommen wird.“, antwortete er.
„Wenn es mir erlaubt ist...würde ich gerne zuerst mit ihm reden und dann entscheiden.“, bat ich. Aegmar und Fuirgam wechselten einen Blick und der Elb nickte schließlich. „Natürlich. Sprecht mit ihm. Ich werde in der Zwischenzeit noch zwei weitere Gefährten auswählen, die Euch begleiten sollen.“ Fuirgam erhob die Hand zum Gruße und ich stand auf.
Beißend empfing mich wieder die Kälte, als ich das Zelt verließ. Noch nie zuvor hatte ich die Orks so sehr verflucht.
 
Old 22-10-2010, 02:06 PM   #7 (permalink)
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Als ich Therowigs Kammer betrat, erwartete ich, daß er in Aufruhr sein würde, vielleicht sogar zornig. Aber er war es nicht. Ruhend und still saß er auf seinem Bett und blickte nachdenklich aus dem Fenster in den grauen Winterhimmel hinaus. Ich trat zu ihm und er drehte den Kopf.
„Du kommst, um Dich zu verabschieden.“, sagte er matt. Ich senkte den Blick. „Ich weiß es nicht, Therowig.“, erwiderte ich. Er schüttelte das Haupt. „Natürlich weißt Du es. Die Frage, die Dir zweifellos gestellt wurde, ist keine, die unbeantwortet bleiben kann. Wir lassen in jedem Krieg jemanden, der uns teuer ist, zurück. So ist es nun einmal. Und es darf keinen Einfluß auf unsere Entscheidungen haben.“, sprach er, aber ich atmete nur lautlos aus. „Ich bin nicht wie Du, mir fallen die Dinge schwerer und ich glaube auch nicht, daß ich jemals meine Pflicht über mein Herz stellen könnte.“, antwortete ich schließlich. Therowig stützte sich auf den Bettpfosten und erhob sich schwerfällig und mit einiger Mühe. Er machte einen Schritt auf mich zu. „Wenn Aegmar Dich braucht, dann laß ihn nicht im Stich. Auch das würdest Du Dir nicht verzeihen. Ich bin hier in guten Händen, und so denn die Sterne günstig stehen, werde ich bald nachkommen können.“, sagte er. Ich nickte, als ich seine Hand auf meinem Arm spürte. „Er wird noch heute aufbrechen.“, flüsterte ich und mir wurde Therowigs Nähe plötzlich bedeutender als jemals zuvor. Ich griff nach seiner Hand und umklammerte sie fest.
„Ich wollte Dir noch etwas geben. Mir scheint nun der richtige Augenblick dafür.“, sagte er und ich sah zu ihm auf. „Sieh mal unter das Bett, da steht eine kleine Holzkiste.“, forderte er mich dann auf und ich ließ mich überrascht nieder, ihn jedoch nicht dabei loslassend.

Unter dem Kopfende fand ich das Kästchen, das er meinte, und zog es hervor. Als ich es öffnete, drang mir der würzige Duft von Pfeifenkraut entgegen. Therowig ging neben mir in die Knie und deutete auf ein samtenes Säckchen, das zwischen einem Haufen getrockneter „Alter Tobi“-Blätter lag. Ich nahm es heraus, stellte die Kiste wieder zurück unter das Bett, und öffnete es. In meiner Hand lag der kleine Spiegel, den Yhared mir entwendet und zerbrochen hatte. Mein Kopf fuhr zu Therowig herum und ich sah ihn aufgeregt an. „Mein Spiegel! Er ist wieder ganz!“, rief ich erfreut aus und drückte das Kleinod an mich. Therowig lächelte ein wenig verlegen. „Es war gar nicht einfach, hier jemanden zu finden, der in Goldschmiedekunst bewandert ist – die meisten sind doch eher Waffen- oder Hufschmiede. Aber ich habe es Dir versprochen. Und ich halte meine Versprechen.“, meinte er. „Dann versprichst Du mir auch, daß Du nach Eregion reist, sobald Du es kannst?“, fragte ich. „Ja, das tue ich.“, erwiderte er. „Ich danke Dir, Therowig. Dafür und für den Handspiegel. Er ist mir wichtig.“, sagte ich, dann erhob ich mich langsam. Auch Therowig richtete sich auf.

Stumm sahen wir uns an, der Moment des Abschieds lag zwischen uns wie schwarzer Teer. Ich hätte ihm noch viel sagen mögen, oder aber auch nichts. Und ich sagte auch nichts, ich schmiegte mich nur für einen langen Augenblick in seine Arme und spürte seinen Atem auf meinem Haar. Dann drehte ich mich um und ging.

Ich nickte Aegmar nur stumm zu, als ich sah, daß er auf dem Innenhof der Feste auf mich wartete. Mehr mußte ich auch nicht tun, daß er mich verstand. Den Spiegel drückte ich an meine Brust und er beruhigte mich ein wenig. Dann suchte ich die Quartiere auf, um meine Ausrüstung zusammenzusuchen und meine Sachen zu packen. Ich traf auf Aneawin, der über seinem Reisesack wachte und den Blick mißmutig durch ein Fenster auf die Stallungen gerichtet hielt.
Er fuhr zu mir herum, als ich neben ihn trat und deutete mit dem Kinn hinaus auf den Hof. „Scheint, als wären wir vollzählig.“, brummte er und ich folgte seiner Geste. An der Mauer lehnte ein Elb, ich kannte ihn nicht, aber er trug dunkelgrüne Kleidung und das Emblem des goldenen Heeres darauf. Ein Waldelb aus Fuirgams Garde. Doch neben ihm, und das versetzte auch mich in eine ungute Stimmung, erblickte ich unseren fünften Gefährten – es war jemand, den ich sehr wohl kannte: Arnulf.
Er packte ein Pferd am Zügel und zerrte es aus dem Stall. „Dieser Kerl kommt doch nicht etwa mit?“, rief ich aus, aber Aneawin nickte zustimmend. „Fuirgam hielt es wohl für eine großartige Idee, Therowig von seinem Cousin vertreten zu lassen. Daß er uns damit keinen Gefallen tut, weiß er nicht, und Aegmar hat ihm auch nicht widersprochen. Hätte er es doch getan...“, knurrte er weiter. Ich hob die Brauen und strich mir das Haar hinter ein Ohr. „Können wir uns denn auf ihn verlassen? Therowig sagte, er wäre ein Söldner.“ Aneawin zuckte die Achseln. „Tja, wollen wir hoffen, daß er gut bezahlt wurde.“ Dann drehte er sich um und schulterte sein Gepäck.

Ich blieb am Fenster stehen und betrachtete Arnulf weiterhin. Das Pferd bockte auf, als er es erneut am Zügel griff und in den Hof ziehen wollte. „Als Rohirrim sollte er doch wissen, wie man mit einem Pferd umgeht...“, murmelte ich zu mir selbst und schüttelte den Kopf. Ich wandte erst den Blick ab, als das Tier ruhig im Hof stand und Arnulf es zu satteln begann. „Wirklich...eine großartige Idee.“, murmelte ich erneut und dachte daran, daß Arnulf mit Therowig so gar nichts gemeinsam zu haben schien.
Aber ich sollte mich noch irren. Und das würde ich bald erfahren.
 
Old 28-10-2010, 12:21 AM   #8 (permalink)
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Ich nahm nur leichtes Gepäck. Einen Rucksack, meinen wärmsten Umhang. Wir würden rasch reisen. Und vor allem würden wir es im Stillen tun. Es war diesmal ein andere Sache, die auf uns wartete. Keine Schlacht, kein Heereszug, nicht die offene Seite des Krieges, die laut und lärmend war. Es war bekannter Boden, auf dem ich mich bewegen würde; Schatten, die mich nicht verfolgten, sondern verhüllten.
Ich war die Letzte, die zu der kleinen Schar stieß. Die anderen hatten sich bereits vor den Stallungen versammelt. Noch im Gehen betrachtete ich sie alle und im Besonderen richtete ich mein Augenmerk auf Arnulf. Er hatte eine Hand zur Faust geballt und massierte seine Fingerknöchel. Sie knackten laut, als Aegmar an ihm vorüberschritt. Weder beeindruckt, noch bewegt, blieb Aegmar jedoch vor dem Manne stehen und nahm den Obersten von einem Stapel grauer Umhänge, die über seinem Arm hingen. Er reichte Arnulf das Kleidungsstück und nickte ihm zu. Dann ging er weiter und übergab auch Aneawin einen Umhang, der ihn nur zögerlich entgegennahm. Der Elb löste sich von der Wand, an der er gelehnt hatte, und reihte sich nun ein. Ich trat neben ihn hin und ein flüchtiges Lächeln huschte über Aegmars Gesicht, als er auch zu mir kam und mir den letzten der Umhänge überreichte.
Als ich ihn in Händen hielt, bemerkte ich, daß seine Farbe nicht tatsächlich Grau war, sondern daß er viel mehr abgetragen und verschmutzt wirkte. Jemand, der eine lange Reise getan und viel von der Welt gesehen hatte, würde vielleicht solch einen Umhang tragen. Einer, der durch viele Widrigkeiten gegangen und das einfache Leben auf den Straßen erfahren hatte. Ich sah zu Aegmar auf, der nun vor seine Schar hintrat und die Hände auf dem Rücken verschränkte. In den Gesichtern meiner Gefährten stand die gleiche Frage, die auch ich auf den Lippen spürte. „Wenn wir aufbrechen, und das werden wir, noch bevor die Sonne den Mittag verkündet, möchte ich nicht, daß wir es als Soldaten tun. Wir werden für jeden Ork, der uns angreifen und Rache an uns nehmen möchte, ein lohnendes und einfaches Ziel sein. Und jeder Ork, der das wagen wird, wird sich bitter in uns irren, denn unsere Waffen werden verborgen und versteckt sein, aber ihn keineswegs verschonen. Ich möchte einen Ork fangen und ich bin sicher, wenn wir Moria durchqueren, werden wir die Gelegenheit dazu bekommen. Also legt jene Umhänge an, die ich Euch gegeben habe, legt Rang- und Wappenzeichen dafür ab und gewöhnt Euch daran, die Maske einfacher Männer zu tragen. Besorgt Euch Kleidung, die Rüstung und Kettenhemd verbergen kann. In einer halben Stunde treffen wir uns hier wieder und dann erwarte ich, das jeder bereit ist. Ungesehen werden wir nach Eregion ziehen und uns unter das fahrende Volk mischen: Händler, Handwerker, Kundschafter. Auf später.“, erklärte Aegmar knapp.
Schon wollte er sich wieder umdrehen, als Arnulf vortrat und die Hand hob. „Einen Moment.“, sprach er. „Für uns ist es eine Sache, sich als Waschweiber und Feiglinge zu verkleiden – aber was ist mit dem Elb? Die Orks werden ihn doch auf Meilen erkennen und er wird den Plan, so hübsch er auch überlegt sein mag, zunichte machen.“, fügte er an und deutete mit dem breiten Kinn auf den Waldelben, der nun ebenfalls vortrat und Arnulf musterte. Er öffnete den Mund und entblößte zwei Reihen makellos weißer Zähne. Und als er sprach, klang es selbst für einen Elben recht unfreundlich: „Ich bin Erelias vom Düsterwald. Und noch bevor der Erste Eurer Ahnen das Licht dieser Welt erblickt hat, habe ich sie schon bewandert und sie meine Heimat genannt. Wenn ich sie durchqueren muß und dabei unerkannt bleiben soll, dann werde ich das auch. Mein Volk ist niemals laut, Mensch aus Rohan!“, erwiderte er.

Arnulf knurrte auf und wäre Aegmar wohl nicht zwischen ihn und Erelias getreten, hätte er vermutlich etwas geantwortet, das in der Tat sehr laut gewesen wäre. Doch Arnulf schwieg nun, als Aegmar ihn anblickte und ich mußte zugeben, daß mich das überraschte. „Erelias, das ist Arnulf Bayard. Wahrhaftig ein Mensch aus Rohan, aber einer, der vielleicht mehr Orks erschlagen hat, als wir alle zusammen und der sie über die Maßen gut kennt, also will ich nicht auf seine Begleitung verzichten, denn mehr als hilfreich wird sie uns sein. Vor allem, wenn wir lebend einen Ork fangen wollen.“, sagte Aegmar und es klang entschieden.
Noch weiter stieg meine Überraschung, als ich vernahm, was er über Arnulf erzählte. Auch Aneawins Augenbrauen zogen sich erstaunt in die Höhe und ich mußte eine Hand auf den Mund legen, um mein Schmunzeln zu verbergen, als der Hauptmann sich zu mir hinabbeugte und ein „Für mich ist der Kerl nur ein Großmaul!“ nahe an meinem Ohr flüsterte.
Aegmar wandte sich erneut an den Elben: „Ihr seid nur Fuirgam verpflichtet, ihm werdet Ihr berichten, denn in seinem Dienst steht Ihr. Dennoch werden wir alle Gefährten sein und gemeinsam diese Reise und diesen Auftrag begehen. Ich hoffe, wir haben uns verstanden.“, schloß er und warf einen Blick in den Himmel. Dann wandte er sich zum Gehen. „Die Zeit schreitet voran. Ich möchte heute Abend den Anduin erreichen, also eilt Euch bitte.“ Grüßend nickte er noch einmal, dann ging er. Ich sah Erelias und Arnulf ebenfalls noch einen letzten Blick wechseln, dann entfernten auch sie sich und Aneawin und ich blieben noch für einige Momente allein zurück.
Aneawin stieß hart die Luft aus. „Daß das kein fröhlicher Saufabend wird, habe ich mir ja schon gedacht, aber daß es gleich schon so anfängt...“, murrte er. „Dieser Arnulf ist also ein Orkfänger, ja? Habe ich das eben richtig verstanden?“, fragte er mich und ich hob die Schultern. „Nun, so scheint es wohl.“, antwortete ich. Aneawin seufzte erneut. „Ein stinkender Ork hat mir in dieser Reisegesellschaft unbedingt noch gefehlt.“, sagte er und ich mußte lachen. Ich klopfte gegen den Panzer auf seiner Brust. Es klang dumpf und blechern. „Sieh lieber zu, daß Du etwas findest, was den hier verbergen kann, sonst läuft jeder Ork, den wir aufgreifen könnten, sofort wieder vor uns weg.“, rief ich aus. Aneawin hob eine Hand an die Stirn, warf mir einen mißmutigen Blick zu und machte sich dann endlich auf den Weg zu den Schlafsälen.

Eine kleine, helle Glocke schlug irgendwo in der Feste und zeigte die Mittagsstunde an. Viele der Krieger, die in Emyn Lûm weilten, ließen sich zum Essen nieder. Die Wachschichten auf der Zinne wechselten und auch einige der Patrouillen kehrten aus den umliegenden Wäldern zurück. Es war eine geschäftige Stunde und die Winterstille wurde belebt durch allerlei Rufe und das Geklapper von Hufen.
Als wir unser Gepäck auf den Rücken der Pferde verstauten, beachtete uns niemand. Auch nicht, als wir die Festung verließen und die Weststraße nahmen, die uns an die Ufer des Anduin und weiter nach Lothlorien bringen sollte. Aegmar gab ein eiliges Tempo vor, doch keines, das die Pferde vorzeitig ermüdete. Wir waren wie vorbeihuschende Schatten in einer ohnehin grauen Schattenwelt.
Dort, wo der Schnee die Baumkronen nicht überwunden hatte, lag schwarzer Boden zu unseren Seiten und verschluckte die Kälte des Winters. Es knackte im toten Holz der Bäume und nur wenn die knorrigen Äste das Gewicht ihrer weißen Mäntel nicht mehr tragen konnten, rieselte der Schnee zu Boden und oftmals auf unsere Köpfe.
Aegmar führte die Schar an und dicht über die dampfenden Hälse unserer Reittiere gebeugt, folgten wir ihm. Er hatte sein großes schwarzes Roß in Emyn Lûm zurückgelassen und gegen eines eingetauscht, das weitaus weniger edel und stark war. Ich hatte meinen Fürsten zweimal ansehen müssen, um ihn überhaupt zu erkennen. Die Kapuze seines grauen Umhangs hing ihm tief in die Augen und das Kettenhemd, das er noch immer trug, war verborgen unter einem braunen Lederwams, wie ich es viele Jäger schon hatte tragen sehen. Nichts an ihm deutete darauf hin, wer er war und welches Blut wirklich durch seine Adern floß.
Auch Aneawin hatte sich selbst verborgen unter allerlei pelzgefüttertem Gewand, das ihn mehr wie einen Fallensteller als einen Soldaten wirken ließ. Wir alle wirkten so, wie Aegmar es verlangt hatte. Und Stolz durfte hierbei keine Rolle spielen. Mit Bedauern hatten wir unsere Wappen abgelegt, doch welche Absicht Aegmar auch immer damit verfolgte, gewiß war es eine gute Absicht und bis auf Arnulf mochte das auch niemand anzweifeln.

Last edited by Nariena; 28-10-2010 at 11:24 PM.
 
Old 28-10-2010, 12:22 AM   #9 (permalink)
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Wir rasteten nicht und ritten in einem fort, bis das breite Band des Anduin schimmernd die Landschaft vor uns teilte. Die Sonne sank und stahl dem Himmel langsam das Licht. Die Schatten wurden lang und zäh und wir waren froh, als wir die freundlichen Banner an der Anlegestelle endlich zwischen den Bäumen flattern sahen. Große Boote lagen an dem mächtigen Steg vertäut, der tief in das dunkle Wasser des Flusses hineinragte und seinem Gegenstück auf der anderen Seite entgegen zu blicken schien.
Auch hier gönnte Aegmar uns weder Pause noch Erholung, sondern veranlaßte sofort unsere Überfahrt. Immer zu zweit und mit unseren Pferden setzten wir über den Fluß und das goldene Licht Lothloriens empfing uns bald. Die Flußufer waren gut bewacht und befestigt, doch Aegmar wähnte, daß sie nicht nur unter dem Blick der Elben standen und so hieß er uns sogleich wieder aufsitzen, kaum daß wir uns alle am Hafen versammelt hatten. Er wollte Caras Galadhon erreichen, Lothloriens Hauptstadt, und nur dort würde er sich ein bißchen sicher fühlen und vor Augen geschützt, die ihn erkennen könnten.
So wurde es Nacht, bis wir unser Lager aufschlugen und endlich erschöpft auf unsere Decken niedersanken, um Ruhe zu finden und die knurrenden Mägen zu füllen. Irgendwo unter den gewaltigen Bäumen, in deren Kronen die Stadt ruhte, fanden wir Schutz. Obgleich es Winter war, war die Luft hier mild und nicht mit jener beißenden Kälte erfüllt, die uns in den Landen jenseits des Anduin die Leiber betäubt hatte. Das Laub der Bäume war golden und von frischem Grün durchsetzt und eintausend Lichter leuchteten wie die Sterne am Himmel um uns herum.
Wer es nicht wußte, wer es nicht selbst gesehen hatte, der konnte kaum vermuten, daß die Elben in den Krieg gezogen waren und nur wenige Meilen entfernt Leid und Tod das Schicksal bestimmten.
Ich hatte Lothlorien schon zuvor gesehen und war selbst in Caras Galadhon gewesen, als mehr oder minder willkommener Gast. Die Elben mochten Fremde nicht sehr und noch weniger mochten sie das Unheil, das sie von jenseits ihrer Grenzen vielleicht mitbringen würden. So waren Lothloriens Augen stets wachsam und ein mächtiger Zauber lag darüber, fein gewebt und aufrecht erhalten von uralter Magie.
Ich fühlte mich etwas beklommen und auch wenn die Elben längst der Notwendigkeit wegen ihre Lande für neue Verbündete und durchreisende Gäste geöffnet hatten, so kam ich mir dennoch vor wie ein Eindringling, der nicht hierher gehörte. Für viele, die Caras Galadhon erblickt hatten, war es der schönste Ort, den Mittelerde je hervorgebracht hatte. Und wenn sie die Stadt wieder verließen, so glaubten sie, daß sie nie wieder etwas erblicken könnten, was dieser Schönheit gleichkam. Ein bißchen war es auch für mich so und mit Bewunderung und Erstaunen betrachtete ich die zahlreichen Brücken, die zwischen den Häusern und den Fletts über mir hin- und herführten und jeden einzelnen Baum mit den anderen verband. Die Elben hatten sich dem Wald angeglichen und ihn sich nicht zu eigen gemacht; sie lebten mit ihm, er war ihre Lebensader.

Als Arnulf neben mich trat und seinen Sattel fallen ließ, so daß er beinahe auf meinem Fuß gelandet wäre, wurde ich jäh aus meinen Gedanken gerissen und sah den großen Mann verärgert an. Er lachte leise. „Mach den Mund zu, Mädchen, sonst verschluckst Du noch eins von diesen Lichtern, die hier überall herumschwirren.“, sagte er und ich holte tief Luft.
Er lachte erneut und hob eine Hand, als wollte er sich sogleich für den groben Scherz entschuldigen, doch dann zeigte er auf mich. „Mit Deinem Haar mußt Du etwas tun. Am Besten schneidest Du es ab.“, sprach er und meine Hand fuhr unwillkürlich an den langen Zopf, der mir über die Schulter hing. „Warum sollte ich das tun?“, fragte ich. Arnulf sah mich erstaunt an. „Abgesehen davon, daß es ohnehin hinderlich ist, ein Weibsbild mit auf eine solche Reise zu nehmen, sollte man Dich vielleicht nicht gleich als eins erkennen – sonst werden wir nichts anderes zu tun haben, als die Orks von Dir fern zu halten, wenn wir Moria erreichen. Sie sind nicht gerade mutig, weißt Du, und eine wie Du ist daher sicher ein begehrtes Ziel.“, erklärte er und fuhr sich über den langen Bart.
Ich nahm meine Hand herunter und steckte sie in die Hosentasche. Ich erinnerte mich plötzlich an Aegmars Worte, die uns beschworen hatten, diese Reise gemeinsam und in Frieden zu begehen, und so schluckte ich meinen Zorn herunter und bezwang die Worte, die sich schon auf meinen Lippen formten und Arnulf entgegen geschleudert werden wollten. „Ihr kennt mich überhaupt nicht. Also stellt besser keine Vermutungen darüber an, ob ich mit einem Ork zurecht komme oder nicht.“, entgegnete ich daher nur schroff.
 
Old 28-10-2010, 12:23 AM   #10 (permalink)
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Arnulf ging schwer in die Knie und begann den Sattel abzureiben. Dann zog er einen kleinen Tiegel hervor und machte sich daran, das Leder einzufetten. Er sah nicht mehr zu mir auf, seine Augen verfolgten genau jeden Handgriff, den er tat. Als ich mich jedoch umdrehen wollte, wandte er sich wieder an mich: „Oh, ich weiß genau, wer Du bist.“, sagte er und ich blieb stehen. „Du stehst meinem Vetter sehr nahe, vielleicht bist Du sogar sein Weib.“, fuhr er fort. „So? Und das hat Euch wer gesagt?“, fragte ich, mein Ärger kam zurück.
Arnulf schürzte für einen Moment die Lippen. „Gesagt hat es mir niemand, das war auch nicht nötig. Wer Augen im Kopf hat, hat gesehen, wie oft Du in die Halle der Heiler geschlichen und zu seiner Kammer hinauf gestiegen bist. Stundenlang warst Du dort drin, hast ihm Essen gebracht und andere Dinge, nach denen er wohl verlangt hat. Das tut man für niemanden, der einem nichts bedeutet.“, schloß er und ich klappte den Mund auf, aber ich konnte nicht sprechen. „Außerdem...siehst Du nicht wie eine Heilerin aus.“, fügte er dann noch an und ich meinte ein Grinsen auf seinen Mundwinkeln zu sehen. Ich atmete tief durch. „Ihr habt Recht, eine Heilerin bin ich nicht, aber ich kenne mich mit Ork-Giften aus. Und das ein oder andere Mal...mag das ein nützliches Wissen gewesen sein und hat ein Leben gerettet. Was allerdings Euren Vetter betrifft....“, setzte ich an, bis Arnulf mich unterbrach. „...das geht mich nichts an, ich sage nur, was mir aufgefallen ist. Ich hätte Dich allerdings nicht fortgehen lassen an seiner Stelle.“, sprach er und drehte den Sattel um, um auch die Unterseite zu begutachten.
Diesmal konnte ich nicht mehr an mich halten und eine Antwort, die gewiß unhöflich war, entkam mir: „Vielleicht schätzt Therowig Pflicht und Loyalität eben höher ein als ein gewöhnlicher Söldner, der seine Ehre für Gold an den Höchstbietenden verkauft!“, rief ich aus und trat einen Schritt zurück, als Arnulf abrupt den Kopf hob und sein Blick mich hart traf. „Auch Du kennst mich nicht, also stelle ebensowenig Vermutungen über mich an, wie Du es Dir selbst nicht wünscht, verstanden?“, knurrte er und ich spürte ein ungutes Gefühl in mir aufsteigen.
Ein Funkeln lag in Arnulfs Augen und etwas darin brachte mich plötzlich zum Zaudern. Ich mußte den Kopf senken und fühlte eine leichte Scham, doch gänzlich verrauchte mein Zorn nicht. „Therowig hat mir erzählt, daß Ihr Söldner geworden seid, nachdem Ihr Euch in Eriador ein neues Leben einrichten mußtet.“, sagte ich und es klang diesmal leiser und milder. „Nicht jeder hatte soviel Glück wie mein Vetter und konnte sich aussuchen, wie er überlebt, nachdem seine Reisekasse aufgebraucht war und keine Möglichkeit mehr bestand, nach Hause zurückzukehren.“, erwiderte Arnulf und nun begann es mir wahrlich leid zu tun, daß ich ihn beleidigt hatte.
Dennoch konnte ich seine Worte über mich nicht einfach hinnehmen. Und da war noch etwas anderes: Arnulf hatte meine Neugier geweckt. War ich ihm zuvor lieber aus dem Weg gegangen ob seiner groben Art, so interessierte es mich nun, etwas über ihn zu erfahren. „Ihr wollt aber niemandem sagen, welchem Herrn Ihr nun dient – das mag den ein oder anderen mißtrauisch stimmen. Und es ist auch keine gute Gepflogenheit, will ich meinen.“, sagte ich und sah Arnulf erwartungsvoll an. Er sah mir direkt ins Gesicht, dann wanderte sein Blick plötzlich an mir vorbei. Ich erschrak leicht, als ich einen Schritt hinter mir vernahm und fuhr herum: Aegmar stand in meinem Rücken und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich habe ihn bezahlt.“, sprach er und ich konnte für einen Moment nichts anderes tun, als meinen Fürsten ungläubig anzusehen.
„Du? Wie...ich meine...Ihr habt Euch doch erst gestern Abend...“, entfuhr es mir, aber Aegmar schüttelte den Kopf und ich schwieg. „Unseren kleinen Streit meinst Du...nunja..“, fügte er dann an und ich war nun vollkommen sprachlos.
Arnulf tippte sich grüßend an die Stirn und erhob sich. Er schulterte den Sattel und entfernte sich langsam, ob ihm Aegmars Offenbarung gefallen hatte oder nicht, konnte ich nicht mehr in seinem Gesicht erkennen.
„Ich brauchte jemanden, der Therowig ersetzen konnte. Fuirgam bestand darauf, daß einer seiner Leute uns begleiten sollte, doch noch einen Fremden wollte ich nicht mitnehmen. Das hier ist eine vertrauensvolle Angelegenheit. Arnulf ist Jäger, und er hat in vielen Schlachten gegen die Orks gekämpft. Ebenso ist er gut darin, Informationen zu beschaffen – er wurde mir deswegen empfohlen...und da er mit Therowig verwandt ist, hat Fuirgam ihn für mich gefragt, ob er uns begleitet. Aber..er vergibt seine Dienste nicht umsonst. Das mußte ich ihm zugestehen.“
Nun war ich es, die den Kopf schüttelte. „Aegmar...“, begann ich und er atmete tief durch, sein Blick verhärtete sich leicht. „Bevor Du diese Entscheidung in Frage stellst, frage Dich selbst, ob Du Deine Hilfe vor zwei Jahren noch ohne eine entsprechende Bezahlung angeboten hättest!“, rief er aus und ich war zum dritten Male an diesem Abend sprachlos.
Ich konnte schließlich nur nicken und Aegmar stattgeben. Doch als er sich zu mir beugte, klang seine Stimme wieder leise. Ein seltsamer Unterton lag jedoch darin: „Dennoch halte Dich lieber in meiner Nähe. Aus vielerlei Gründen.“, sagte er und ich hob die Augen zu ihm. „Du vertraust ihm nicht.“, stellte ich fest und sah, wie sich Aegmars Blick in jene Richtung wandte, in der Arnulf verschwunden war. „Nein.“, flüsterte er und dann legte er eine Hand auf meinen Arm. „Aber jetzt wollen wir gehen und endlich etwas essen.“
 
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